Beschlüsse und Positionen des Deutschen Bundesjugendring 2010

Positionspapier des Deutschen Bundesjugendring zu Gender Mainstreaming


Beschluss der 76. Vollversammlung in Potsdam

Berlin, 01.11.2003 - „Es gibt also mein Freund, keine Beschäftigung eigens für die Frau, nur weil sie eine Frau ist, und auch keine eigens für den Mann, nur weil er ein Mann ist. Die Begabungen finden sich vielmehr gleichmäßig bei beiden Geschlechtern verteilt“
Platon (428-348 v.Chr.) Politeia, Buch 5, Kap.5

Einführung

Geschlechtergerechtigkeit war in der Jugendverbandsarbeit schon ein Thema, als die Kon-junktur des Begriffes Gender Mainstreaming noch nicht begonnen hatte. Die Jugendverbände stellen durch ihre kontinuierliche Arbeit einerseits und ihre laufende personelle Erneuerung andererseits ein gutes Praxisfeld für Gender Mainstreaming dar. Langjährige Erfahrungen aus der geschlechtsbewussten Pädagogik, aber auch aus der alltäglichen Arbeit, fließen daher in die Umsetzung von Gender Mainstreaming im Jugendverband ein.

Geschlecht ist, was wir tun und nicht, was wir sind. An diese Grundüberlegung anknüpfend stellt der Deutsche Bundesjugendring sein Verständnis der Begriffe Gender, Geschlecht, Sex, Mainstreaming und Gender Mainstreaming dar. In einem weiteren Schritt wird der historische Hintergrund und die Entwicklung der Strategie Gender Mainstreaming bis heute beleuchtet.
Anschließend formuliert der Deutsche Bundesjugendring seine Ziele für Gender Mainstrea-ming und stellt die bisherigen Ansätze von Gender Mainstreaming in der Jugendverbandsar-beit dar.
Danach werden Chancen und Risiken dieser Strategie analysiert und Kritikpunkte aus ver-schiedenen Perspektiven dargestellt. Die Umsetzung von Gender Mainstreaming in der Ju-gendverbandsarbeit stellt Anforderungen an die Jugendorganisationen, ermöglicht aber auch Chancen. Diese werden näher erläutert.
Schließlich werden Elemente einer Gleichstellungspolitik für den Deutschen Bundesjugend-ring entwickelt, in der bisherige Ansätze wie z.B. die geschlechtsspezifische Arbeit ebenso berücksichtigt werden wie neu entwickelte Ansätze unter der Überschrift Gender Mainstrea-ming. Hierzu werden erste Umsetzungsschritte für die verbandliche Praxis aufgezeigt (z.B. Gender Selbstcheck).


Begriffsklärung Gender Mainstreaming

Gender ist aus dem Englischen übernommen und kann im Deutschen als das kulturelle bzw. sozial konstruierte Geschlecht gut übersetzt werden. Das heißt, dass Gender die gesellschaft-lich bestimmten Rollen, die Rechte und Pflichten von Frauen und Männern bezeichnet. Sozia-le Unterschiede zwischen Frauen und Männern werden erlernt und können sich ändern. Un-terschiede können sowohl innerhalb als auch zwischen Kulturen sehr verschieden sein. Das soziale Geschlecht ist nicht ein für alle Mal festgelegt, sondern veränderbar.
Mit dem Begriff geht die Gender-Identität einher, also die Selbstwahrnehmung als weiblich oder männlich sowie die Gender-Rolle, also die zugewiesenen Verhaltensweisen und Fremd-erwartungen an Frauen und Männer.

Dem entgegen steht der englische Begriff Sex, der das biologische Geschlecht bezeichnet. Sex meint die physiologische und anatomische Charakteristika von Frauen und Männern. Es sind meist angeborene Geschlechtsmerkmale, die nur operativ physisch veränderbar sind.

Mainstream kann einfach mit Hauptströmung übersetzt werden. Als politischer Begriff war er lange Zeit gerade in den Frauenbewegungen negativ besetzt - "im Mainstream liegen". Im Mainstream zu sein bedeutete damals, sich auf der Ebene der herrschenden, patriarchalischen Politik zu bewegen. Heute wird die Ablehnung des Mainstreams für eine unkonventionelle, Tabus brechende, auch grenzenlose Haltung reklamiert.

Gender Mainstreaming bezeichnet das bewusste Agieren gegen Geschlechterdiskriminierung. Es soll sich zum Bestandteil der normalen Handlungsmuster einer Organisation und ihrer Ak-teurInnen entwickeln.

So kann das Prinzip Gender Mainstreaming kurz zusammengefasst werden mit:
Gender Mainstreaming besteht in der Reorganisation, Verbesserung, Entwicklung und Evalu-ation in allen Politik- und Arbeitsbereichen einer Organisation (gleich welcher Größe und Ausrichtung). In alle Entscheidungsprozesse wird die Perspektive des Geschlechterverhältnis-ses einbezogen und deren Auswirkungen in den Blick genommen. Ebenso werden alle Ent-scheidungsprozesse für die Gleichstellung der Geschlechter nutzbar gemacht.


Historischer Hintergrund von Gender Mainstreaming

Der Gender Mainstreaming Gedanke taucht 1985 auf der 3. Weltfrauenkonferenz in Nairobi zum ersten Mal auf. Bis in den öffentlichen Sprachgebrauch dauert es weitere zehn Jahre – die 4. Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking/China verhilft dem Konzept zum Durchbruch. Zur Einbeziehung aller politischen Ebenen kommt die Forderung dazu, dass die unterschiedlichen Auswirkungen von Maßnahmen auf Frauen und Männer geschlechterspezifisch zu analysieren sind, bevor die Entscheidungen für die Maßnahmen zu treffen sind! Das bedeutet das Ein-führen einer "Frauenverträglichkeitsprüfung auf allen Ebenen".

1996 erscheint die Mitteilung der Europäischen Kommission zur "Einbindung der Chancen-gleichheit in sämtliche politische Konzepte und Maßnahmen der Gemeinschaft". Darin wird für die EU-Politik definiert, dass Bemühungen um Chancengleichheit nicht auf Sonderpro-gramme zu beschränken, sondern bei sämtlichen allgemeinen politischen Konzepten und Maßnahmen zu beachten sind. Im Zeitraum von 1996 bis 2000 wird das Vierte Mittelfristige Aktionsprogramm der EU zur Verbesserung der Chancengleichheit von Frauen und Männern wirksam.

Der nächste Schritt wird 1997 getan – die Entschließung des Europäischen Parlaments, in der die Mitgliedstaaten aufgefordert werden, Gender Mainstreaming in ihre lokale, regionale und nationale Politik einzubinden. Gleichzeitig einigt sich die interdirektionale Arbeitsgruppe für Chancengleichheit auf ein Strategiepapier mit konkreten Schritten für Folgemaßnahmen - die ersten 29 Gender Mainstreaming Beauftragten werden in der Europäischen Kommission er-nannt.

Die Chancengleichheit wird 1998 als eine der vier Säulen für die europäischen Richtlinien zur Beschäftigungspolitik erklärt. Sie hat nunmehr den gleichen Stellenwert wie Vermittelbarkeit, Anpassungsfähigkeit und Unternehmensgeist.

Der Amsterdamer Vertrag wird 1999 ratifiziert und zur gesetzlichen Verpflichtung für die Mitgliedsstaaten. Es lautet: »Bei allen in diesem Artikel genannten Tätigkeiten wirkt die Ge-meinschaft darauf hin, Ungleichheiten zu beseitigen und die Gleichstellung von Frauen und Männern zu fördern« (Art. 3/2) . Damit ist Gender Mainstreaming nicht mehr eine Säule eu-ropäischer Richtlinien, sondern Querschnittsaufgabe. Dadurch wird Gender Mainstreaming zur Verpflichtung für alle EU-Mitgliedsstaaten und verpflichtend für alle Ebenen politischen Handelns. Im gleichen Jahr wird die Doppelstrategie von spezifischen Maßnahmen und Poli-tiken zur Geschlechtergleichstellung und Gender Mainstreaming als Querschnittsaufgabe in der Verordnung zu den EU-Strukturfonds festgeschrieben. Der Zeitraum ist 2000 – 2006.
Ebenfalls 1999 ergeht der Beschluss des Bundeskabinetts zu Gender Mainstreaming als „durchgängiges Leitprinzip der Bundesregierung“.

Das erste Bundesland mit einem Konzept der Landesregierung zu Gender Mainstreaming ist Sachsen-Anhalt im Jahr 2000. Andere Bundesländer sind gefolgt.

Im Jahr 2001 stellt die Europäische Union das Jahresarbeitsprogramm 2001 zur Umsetzung der Rahmenstrategie vor. 2002 gehen die offiziellen Gender Mainstreaming Seiten der Bundesregierung ins Netz (www.gender-mainstreaming.net).



Ziele von Gender Mainstreaming

... wenn die Frage nach dem Geschlecht so selbstverständlich wird wie die nach den Kosten!

Allgemein könnte als Ziel formuliert werden: Gender Mainstreaming soll die Lebensbedin-gungen von Frauen und Männern nachhaltig verbessern und alte geschlechtsspezifische Zu-schreibungen verlieren ihre Gültigkeit .

Gender Mainstreaming ist eine Strategie und kein Inhalt – der Weg ist also das Ziel. Genauer ausgedrückt ist Gender Mainstreaming eine Handlungsstrategie in der Gleichstellungspolitik. Sie berücksichtigt von vornherein und selbstverständlich bei allen politischen Vorhaben, egal, ob in der Wirtschafts-, Justiz- oder Innenpolitik, in der Verkehrs- oder Stadtplanung etc. die unterschiedlichen Lebensbedingungen und Chancen, die Frauen und Männer in der Gesell-schaft vorfinden. Sie hinterfragt, wie sich politische Maßnahmen, einschließlich Gesetzesvor-haben, jeweils auf Frauen und Männer auswirken und ob und wie sie zum Ziel der Gleichstel-lung der Geschlechter beitragen können. Dabei verlagert sie die Verantwortung für chancen-gleichheitsorientiertes Handeln in die jeweiligen Fachpolitiken.

Durch die Strategie sollen auf jeder Ebene einer Organisation – also auch der Jugendverbände und -vereine – geschlechtsbezogene Benachteiligungen systematisch aufgespürt werden. Die Strukturen, Tätigkeiten und Tätigkeitsbereiche einer Organisation werden dabei im Rahmen von Evaluationen in den Blick genommen. Dies hat den Effekt, dass die Demokratisierung von Organisationen, also ihre Transparenz, gefördert wird. Durch das Überprüfen, ob und welche Ungleichbehandlungen existieren, wird erkennbar, welche davon geschlechtsspezifi-sche Wirkungen haben.

Mit der Anwendung von Gender Mainstreaming wird die Veränderung männlicher Strukturen zur Führungsaufgabe und ist somit nicht mehr Privatangelegenheit. Das wird vor allem darin deutlich, dass Gender Mainstreaming in den Vorständen, Geschäftsleitungen und/oder Stabs-stellen gewollt ist und von dort durch unterschiedliche Maßnahmen in die Organisationen gebracht wird – der sogenannte Top-Down-Prozess.

Gender Mainstreaming ist eine Möglichkeit, Geschlechterdemokratie zu erreichen. Eine wei-tere ist z.B. die Frauenförderung, andere Ansätze sind denkbar.


Bisherige Ansätze für Gender Mainstreaming in der Jugendverbandsarbeit

In einigen Jugendverbänden ist die Geschlechterparität der Besetzung von Vorständen histo-risch gewachsen. Entweder besteht sie schon seit Jahr(zehnt)en in den Satzungen bzw. Richt-linien oder sie wurde im Zusammenhang mit dem Zusammenschluss von Jungen- und Mäd-chenverbänden umgesetzt. In einigen anderen Jugendverbänden wurde sie im Zuge der gesell-schaftlichen Diskussion um die Gleichberechtigung der Frau in den 80er oder 90er Jahren eingeführt. Zum Teil gibt es eine Mindestquotierung, in Einzelfällen jedoch werden auch nur so viele männliche Plätze besetzt wie auch weibliche Kandidatinnen zur Verfügung stehen. Bei knapper werdenden Kandidaten und Kandidatinnen für ehrenamtliche Leitungsämter taucht hier jedoch die Frage nach der Gewichtung einer paritätischen Besetzung im Vergleich mit anderen Zielen auf (arbeitsfähiger Vorstand, Vertretung verschiedener Landesverbände bzw. Mitgliedsorganisationen im Vorstand, Repräsentanz unterschiedlicher Richtungen eines Verbandes etc.). Aus diesem Grund wird die Parität zwar in einigen Verbänden weiterhin hoch gewichtet, jedoch nicht als alleiniges Kriterium für die Besetzung von Vorständen he-rangezogen. In wieder anderen Jugendverbänden gibt es keine explizite Regelung; hier wird jedoch im Allgemeinen. bei den Wahlen auch auf eine angemessene Repräsentanz beider Ge-schlechter in Leitungsfunktionen geachtet. Auch bei den Landesjugendringen stellt sich die Situation sehr unterschiedlich dar.

Typisch für zahlreiche Jugendverbände und -ringe ist weiterhin, dass – stärker als in der Ge-samtgesellschaft – relativ viele pädagogische Aufgaben durch Männer wahrgenommen wer-den. Jugendverbände können – nicht nur deswegen – als Sammelbecken für männer- und frauenuntypische Geschlechterrollen dienen, die hier ein sinnvolles und wenig konventionell reglementiertes Betätigungsfeld finden. Außerdem werden klassische Geschlechterrollen so-wie männliche und weibliche Rollenklischees kritischer hinterfragt oder nicht akzeptiert.

Gleichzeitig gibt es jedoch so etwas wie heimliche Geschäftsordnungen und tradierte Struktu-ren, die zum Teil weiterhin einen prägenden Einfluss in der Jugendverbandsarbeit haben. So sind einige Geschäftsführerpositionen schon immer von Männern besetzt gewesen, sind in katholischen Verbänden Priester ohnehin immer männlich, gilt auf Konferenzen oder Voll-versammlungen das Wort des männlichen Kassierers, der mit Sachzwängen argumentiert, häufig mehr als der pädagogische Einwand eines weiblichen Vorstandsmitglieds und wird männliches "Platzhirschverhalten" weiterhin als verbreitetes Ritual auf Konferenzen oder Vollversammlungen wahrgenommen.

In der Frauen- und Mädchenarbeit gibt es zahlreiche Vorerfahrungen, Diskussionsbeiträge und Papiere aus verschiedenen Jugendverbänden und –ringen. Etwas weniger umfangreich sind die dennoch vielfältigen Erfahrungen in der geschlechtsbewussten Jungen- und Männer-arbeit. Bei einer kritischen Beleuchtung stellt sich jedoch heraus, dass geschlechtsspezifische Themen nicht unbedingt Karrierethemen sind und sich daher viele machtorientierte „Funktio-närInnen“ fragen, ob das Thema gut und richtig oder karrieredienlich für sie ist. Andererseits kann das Thema aber auch "benutzt" werden, um sich in einer Nische zu profilieren.

Insofern gibt es in den Jugendverbänden und –ringen – wie im gesamten Bereich der Diskus-sion um Gender Mainstreaming – auch eine Lücke zwischen dem Anspruch und der Praxis.


Kritik an Gender Mainstreaming und Risiken bei der Umsetzung

Angesichts vorhandener Erfahrungen in der Frauenförderung und der geschlechtsbewussten pädagogischen Arbeit ist eine bedenkenlose Übernahme des Konzepts Gender Mainstreaming in die Jugendverbandsarbeit ohne eine Auseinandersetzung mit kritischen Anfragen nicht sinnvoll. Daher sollen im Folgenden zunächst wesentliche Kritikpunkte am Konzept aufge-zeigt und aus Sicht der Jugendverbandsarbeit kommentiert werden.



Kritik an der technokratischen Umsetzung von Gender Mainstreaming

Das Prinzip Gender Mainstreaming kann durch eine ausschließlich bürokratische Umsetzung oder technokratische Realisierungsstrategien ad absurdum geführt werden. Gender Mainstreaming ist immer ein Prozess, der Zeit und Geld kostet und nicht verordnet werden kann. Wenn das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Gender Mainstreaming gegenüber den freien Trägern der Jugendhilfe durch Einfügen eines zusätzli-chen Sachberichtsabsatzes im Rahmen des Kinder- und Jugendplans umsetzt, ohne dafür ei-nen eigenen Punkt in der ohnehin schon komplizierten Gliederung vorzusehen, löst dies bei den häufig ehrenamtlichen Verantwortlichen eher Kopfschütteln oder Abwehrreaktionen aus.

Durch derartige Regelungen entstehen im Allgemeinen auch keine gesellschaftlichen Impulse oder werden wünschenswerte Prozesse angeregt, sondern soll offensichtlich nur nachgewie-sen werden, dass politisch bzw. im Verwaltungshandeln etwas getan wird.
Dies bedeutet dann eben nicht zwangsläufig, dass auch die politisch Verantwortlichen wirk-lich selbst etwas verändern müssen. Gerade lästige, aufgesetzte oder unter Zwang erfolgende Impulse schaden dem Anliegen jedoch eher als ihm zu nützen.

Insgesamt muss Gender Mainstreaming stärker als ein nachhaltiger Prozess begriffen werden und nicht als durch Umlegen eines Schalters zu realisierender Einzelschritt. Zunächst wird daher in vielen Fällen eine Evaluation und Bewusstmachung der herrschenden Situation er-forderlich sein. Dazu sind qualitative Befragungen, Interviews sowie Bewertungen von innen und außen vonnöten (vgl. etwa den vorgeschlagenen Gender Check im Anhang).


Biologische Kritik

Auch der Umgang mit der Frage, ob die Unterschiede zwischen den Geschlechtern überwie-gend biologisch oder sozial konstruiert sind, ist in der Diskussion um Gender Mainstreaming relevant. Etwa ist zu fragen, ob die angestrebte Gleichheit/Gleichberechtigung „gesellschaft-lich herstellbar“ ist oder scheitern wird, weil bestehende biologische Unterschiede sowieso nicht ausgeräumt werden können. Die Beantwortung der wissenschaftlich letztlich ungeklär-ten Frage, welche Unterschiede zwischen den Geschlechtern biologisch vorgegeben, evoluti-onsbedingt entwickelt oder sozial konstruiert sind, kann allerdings nicht zur Voraussetzung für den Einstieg in einen Gender Mainstreaming-Prozess erhoben werden.


Kritik am Umgang mit Gender Mainstreaming im politischen Raum

Die Politik muss Klarheit schaffen, ob sie Gender Mainstreaming als Modethema verfolgt und nur einen weiteren Belang neben vielen anderen auf die lange Liste der zu berücksichtigenden Kriterien setzt oder ob sie auch bereit ist, das Prinzip Gender Mainstreaming gegen andere Belange konfrontativ durchzusetzen.

Eine an die Umweltverträglichkeitsprüfung angelehnte Geschlechterverträglichkeitsprüfung kann solange hilfreich und erforderlich sein, bis Gender Mainstreaming eine größere gesell-schaftliche Wirksamkeit erreicht hat. Zu klären ist dabei aber auch die Frage, ob dies eine Aufgabenzuweisung an alle fachlich zuständigen Stellen bedeutet oder eine Aufgabenzuwei-sung für ein (zu erweiterndes) Frauen- oder Gleichstellungsreferat.

Aus Sicht der Jugendverbände ist grundsätzlich zu fordern, dass staatliche Stellen den Zu-wendungsempfängern Gender Mainstreaming nicht nur verordnen, sondern selbst ausreichen-de Anstrengungen zur Umsetzung von Gender Mainstreaming unternehmen und eine Identifi-kation mit Gender Mainstreaming in der eigenen Verwaltung entwickeln müssen.

In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, eine zu starke Verknüpfung oder Identifizie-rung des Themas Gender Mainstreaming mit einer einzelnen Partei zu vermeiden, um poli-tisch motivierte Blockadehaltungen zu verhindern.

Weiterhin kann eine zu starke Orientierung an Legislaturperioden, Wahlterminen und Haus-haltsjahren der Prozesshaftigkeit von Gender Mainstreaming zuwiderlaufen. Um Gender Mainstreaming dauerhaft zu verankern sind daher gesetzliche Regelungen sinnvoll. Nur sie bieten eine ausreichende strukturelle Absicherung, um einen Strategiewechsel im Rhythmus von Legislaturperioden zu verhindern. Auch in den Kommunalverfassungen der Bundesländer sollte Gender Mainstreaming als Prinzip verankert werden.

Bei Sachberichten, wie sie derzeit vom Bundesjugendministerium für jede einzelne Maßnah-me eingefordert werden, hält es der Deutsche Bundesjugendring für sinnvoller, über die Ent-wicklung im Bereich Gender Mainstreaming im Ganzen zu berichten. Berichte über Einzel-maßnahmen enthalten häufig Floskeln oder Textbausteine und somit keine wirklich brauchba-ren Aussagen zum Thema.

Grundsätzlich sieht der Deutsche Bundesjugendring für die eigene Organisation wie auch für seine Mitgliedsorganisationen Impulse im Bereich der Organisationsentwicklung und Schu-lungen zu Gender Mainstreaming als sinnvoll und unterstützenswert an.

Zur Gewinnung und Überzeugung von FachpolitikerInen und der Verwaltung sind konkrete fachliche Beispiele (best practise) notwendig, die deutlich machen, dass die Geschlechterfrage in allen Lebensbereichen und Politikbereichen vorkommt und Gender Mainstreaming daher in allen Politikbereichen umgesetzt werden kann und muss.


Neoliberale Kritik

Gender Mainstreaming kann auch als Instrument genutzt werden, um noch brachliegende Po-tentiale einer Gesellschaft marktkonform zu erschließen. So hat die Weltbank vor Jahren fest-geschrieben, dass eine Investition in Frauenbildung die beste Investition für die wirtschaftli-che Entwicklung in den Entwicklungsländern sei. "Diversity Management" ist auf dem besten Wege zu einer anerkannten Personalentwicklungsstrategie zu werden. Gender Mainstreaming erfolgt nicht zwangsläufig aus höherer geschlechterpolitischer Einsicht. Gerade weil Gender Mainstreaming aus unterschiedlichen Perspektiven und Motivationen heraus angegangen werden kann, bieten sich aber auch Chancen für breitere gesellschaftliche Veränderungen. Daher sollten Kooperation und Bündnisse nicht von vorneherein ausgeschlossen werden, weil mögliche Partner eine andere Perspektive haben. Das Ziel einer wirtschaftlichen "Inwertset-zung" von noch nicht ausgeschöpfter weiblicher "Manpower" als (ggf. männerdominierte) Strategie von Arbeitgebern werden die Jugendverbände und –ringe dabei jedoch nicht verfol-gen.


Feministische Kritik

In der feministischen Auseinandersetzung mit Gender Mainstreaming wird u.a. diskutiert, inwieweit Gender Mainstreaming bestehende Erfolge sowie politische und gesellschaftliche Errungenschaften der Frauenbewegung oder des Kampfes gegen Diskriminierungen konterka-riert oder zukünftige Entwicklungen behindert. Eine mögliche Antwort auf diese Kritik ist die so genannte Doppelstrategie, d.h. die gleichzeitige Realisierung von Frauenförderung und Gender Mainstreaming-Prozessen. Letztlich strategisch noch ungeklärt und nicht pauschal zu beantworten bleibt aber die Frage, ob eine derartige Doppelstrategie Erfolg versprechend und langfristig fruchtbar ist.

Innerhalb der Jugendverbandsarbeit muss klar sein, dass Gender Mainstreaming nicht automatisch ein Ersatz für bestehende Instrumente zur Förderung (der Beteiligung) von Frauen sein kann. Die Stärkung und politische Absicherung einzelner Frauen, die Führungspositionen anstreben, und ein breiter angelegter Gender Mainstreaming-Prozess sollten sich gegenseitig ergänzen und daher nicht als Strategien gegeneinander diskutiert werden.

Das berechtigte Schutzbedürfnis von Frauen in verschiedenen Situationen (vor Mobbing, se-xueller Gewalt) darf nicht zur Zuweisung einer permanenten Opferrolle und damit zur Klien-telisierung von Frauen führen. Es muss auch reflektiert werden, dass das wiederholte Kom-munizieren von geschlechtstypischen Männer- und Frauenrollen in der Auseinandersetzung mit Gender Mainstreaming diese noch weiter verfestigen und verstärken kann.


Männlich geprägte Kritik

Bedingt durch die umfangreichen Vorarbeiten und Vorerfahrungen aus dem Kampf um Frau-enrechte und Gleichberechtigung sowie den größeren Leidensdruck im Geschlechterverhältnis haben sich Frauen bisher wesentlich stärker und prägender in die Diskussion um Gender Mainstreaming eingebracht. Nicht wenige Männer fühlen sich daher teilweise eher dieser neuen Entwicklung "ausgeliefert" oder durch sie "überfordert". Andere identifizieren sich zwar mit den Zielen von Gender Mainstreaming, halten die angewandten Methoden jedoch für zu stark durch weibliche Sichtweisen und Problemlagen geprägt. Wenn Gender Mainstreaming einen Bildungseffekt im Lernfeld Geschlechterdemokratie haben und neue persönliche und strukturelle Entwicklungschancen beinhalten soll, müssen die Sichtweisen und Bedürfnisse von Männern in Bezug auf das Geschlechterverhältnis stärker in den Blick genommen werden. Insbesondere Männern muss deutlich werden, dass sie bei einer Ausei-nandersetzung mit Gender Mainstreaming nicht nur verlieren (z.B. in Bezug auf Macht, selbstverständliche Karrierechancen oder alte Gewohnheiten und Rollen), sondern auch ge-winnen können (z.B. in Bezug auf die Entdeckung neuer Kompetenzen durch andere Rollen-zuweisungen, mehr (Eltern-)Zeit für Familie und soziale Kontakte oder den Wegfall von sub-jektivem Leistungsdruck).


Schwul-lesbische Kritik

Schwule und Lesben, Bisexuelle und Transgender kommen als Kategorie im Bereich Gender Mainstreaming nicht ausdrücklich vor, obwohl sie natürlich von Gender Mainstreaming-Prozessen ebenfalls profitieren können. Schon die heterosexuelle Grundannahme, also die auch in der Jugendverbandsarbeit verbreitete häufig unbewusste oder quasi automatische Un-terstellung, dass Jugendliche heterosexuell sind, widerspricht dem Prinzip Gender Mainstreaming. Unterschiedliche sexuelle Orientierungen sollten daher ausdrücklich in einer Gender Mainstreaming-Strategie thematisiert werden, da ansonsten die Gefahr besteht, dass beispielsweise schwule Männer nur als Männer und lesbische Frauen nur als Frauen wahrge-nommen werden. Bei Jungen und Mädchen ist zudem zu berücksichtigen, dass der Findungs-prozess der eigenen sexuellen Orientierung noch nicht abgeschlossen sein kann.




Die Verlockung von Gender Mainstreaming in „heilen Gegenwelten" oder Nischen trägt er-fahrungsgemäß nicht. Weder ist es im Jugendverband sinnvoll, sogenannte „Erwachsenen-strukturen“ (Gesamtverband, Kirche, Partei etc.) auszublenden, noch sollten Jugendverbände und –ringe zur "geschlechterdemokratischen Zuflucht" vor der harten Wirklichkeit werden.
Ein Grundproblem (nicht nur) von Gender Mainstreaming im Kinder- und Jugendverband ist die lediglich korrigierende bzw. nachsorgende Funktion. Solange nicht 50 % der familiären Erziehungsarbeit von Männern geleistet wird, solange nicht 50 % der GrundschullehrerInnen, ErzieherInnen männlich sind, solange nicht klarere Regelungen von Erziehungszeiten die gleichmäßige Beteiligung von Männern und Frauen am Erwerbsleben begünstigen, bleibt der Kinder- und Jugendhilfe allenfalls die Möglichkeit, Gegenerfahrungen zu dieser einseitigen gesellschaftlichen Rollenverteilung zu vermitteln oder zu unterstützen. Diese Gegenerfahrun-gen nicht zur bequemen Nische werden zu lassen, sondern zum Quell über die Jugendver-bandsarbeit hinausgehender gesellschaftlicher Veränderung zu machen, ist eine der wichtigs-ten Herausforderung von Gender Mainstreaming in der Jugendverbandsarbeit.


Interkulturelle Kritik

Im Bereich der interkulturellen Arbeit, von internationalen Jugendbegegnungen oder der Ar-beit mit MigrantInnen kann das deutsche Verständnis von Gender Mainstreaming nicht ohne Weiteres übertragen werden. Obwohl Gender Mainstreaming als weltweite Strategie be-schlossen ist, spielen kulturelle und soziale Unterschiede stark ins Geschlechterverhältnis und die Umsetzungsmöglichkeiten und –strategien von Gender Mainstreaming hinein. Ein deut-schen Jugendverbänden vorgegebener Gender Mainstreaming-Anspruch kann beispielsweise in der Internationalen Jugendarbeit nicht ohne Weiteres jedem ausländischen Partner aufge-zwungen werden. (Dieses Verständnis sollte übrigens auch in der interkulturellen Arbeit mit MigrantInnen innerhalb Deutschlands gelten.) Dennoch ist es wichtig, dem Partner das eigene Grundverständnis auch in Bezug auf Gender Mainstreaming zu vermitteln, da jeder gelungene Austausch auf eine gegenseitige Akzeptanz der Grundüberzeugungen des Partners aufbauen sollte.
Umgekehrt bietet gerade der Bereich der Kinder- und Jugendreisen (ins In- und Ausland) als aus dem Alltag heraus gelöste und längerfristige pädagogische Situation in einer neuen Um-gebung gute Ansatzpunkte für praktische Umsetzungen von Gender Mainstreaming. Dies gilt beispielsweise bei der Auswahl und Ausbildung von TeamerInnen, beim Programmangebot, bei der Rollen- und Aufgabenverteilung bei den TeamerInnen und TeilnehmerInnen sowie der Festlegung der Reiseziele.



Ansprüche an die Umsetzung von Gender Mainstreaming in der Jugendverbandsarbeit

Bei der Umsetzung von Gender Mainstreaming sind - nicht nur, aber auch - in der Jugendver-bandsarbeit bestehende Rahmenbedingungen und Zwänge zu beachten und in die jeweils ge-wählten Strategien mit einzubeziehen. Kinder- und Jugendverbände müssen ihren eigenen Wertehintergrund, ihre Schwerpunkte und unterschiedlichen Ansätze in ihre jeweils eigene Auseinandersetzung mit dem Prinzip Gender Mainstreaming einbringen können. Auch die Frage, ob es auch das Gute (nämlich Gender Mainstreaming) im Schlechten (nämlich inner-halb der bestehenden Rahmenbedingungen) gibt, muss jede Organisation für sich selbst be-antworten.

Viele Jugendverbände arbeiten innerhalb größerer Zusammenhänge (Kirche, Wohlfahrtsver-band, Gesamtverband, Partei o.ä.). Gender Mainstreaming nur für den jeweiligen Jugendver-band isoliert zu betrachten, erscheint aufgrund der zum Teil bestehenden engen strukturellen, inhaltlichen oder politischen Einbindung in die dort vorherrschenden Strukturen nur begrenzt sinnvoll. Sicherlich sind Veränderungsprozesse auch in den Jugendverbänden erforderlich, gewünscht und sinnvoll; eine Beschränkung darauf würde jedoch bedeuten, eine Geschlech-teridylle mit Scheuklappen errichten zu wollen. Dennoch ist es wichtig, auch auf dieser Grundlage der Versuchung zu widerstehen, die Jugendverbände und –ringe von (struktureller und faktischer) Benachteiligung von Frauen reinzuwaschen und nur den Gesamtverband, die Partei oder die Kirche mit einem Negativbild zu besetzen.

Dass sich viele Mitglieder von Jugendverbänden schon aufgrund der Tatsache, in einem ex-plizit antidiskriminierend auftretenden Jugendverband mitzuarbeiten, schon automatisch für progressiv und offen halten, trägt erheblich zu einem der größten Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung von Jugendverbänden bei: Während Verbände selbst sich durchweg als fortschrittlich und modern wahrnehmen, gehen Assoziationen von außen häufig eher in die Richtung von altbacken, innovationsfeindlich, unbeweglich oder wertkonservativ. Diese generelle Diskrepanz gilt teilweise auch für die Wahrnehmung des Geschlechterver-hältnisses in Jugendverbänden.

Im Idealfall kann die Auseinandersetzung mit Gender Mainstreaming dazu beitragen, dass einige der genannten strukturellen Bedingungen aufgebrochen werden können. Dies kann aber – wie gesagt – nicht schon Voraussetzung für den Eintritt in den Prozess sein.

Diese Widersprüche oder Ungleichzeitigkeiten können bei verantwortlichen Protagonisten des Gender Mainstreaming zu Frust, Ermüdungserscheinungen, Ungeduld oder auch zum Aus-stieg aus dem Themenbereich führen. Dieser Gefahr sollten die Jugendverbände und -ringe mit einer realistischen Einschätzung der möglichen Veränderungspotentiale vorbeugend be-gegnen.

Bei einem Gender Check, wie wir ihn für alle Jugendverbände und –ringe anregen möchten, muss gelten, dass die Bewertungskriterien weder vom Bundesministerium für Familie, Senio-ren, Frauen und Jugend oder vom Deutschen Jugendinstitut vorgegeben werden dürfen noch in Peking oder Brüssel bereits vordefiniert wurden. Sie müssen erarbeitet, begründet aber auch ausgehandelt werden und dies geschieht weder wissenschaftlich neutral noch in einem machtfreien Raum, sondern unterliegt persönlichen und politischen Wertungen.



Besondere Chancen von Gender Mainstreaming in der Jugendverbandsarbeit

Als grundsätzliche Stärke für einen Gender Mainstreaming-Prozess in der Jugendverbandsar-beit können zahlreiche Formen der Geschlechterparität und beispielsweise auch die relativ hohe Zahl der Männer mit pädagogischer Verantwortung bewertet werden, die sich zum gro-ßen Teil bereits in unterschiedlichen (Geschlechts?)Rollen wahrgenommen und reflektiert haben. Auch wird in der Jugendverbandsarbeit – zumindest auf derselben Ebene – sehr viel stärker mit dem Konsensprinzip gearbeitet als in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Zwi-schen den Ebenen und in der Auseinandersetzung mit dem Gesamtverband, der Kirche, der Partei usw. kann dieser Stil jedoch häufig nicht beibehalten werden, da die Machtdimension eine größere Rolle spielt.

Kinder- und Jugendverbände stellen durch ihre kontinuierliche Arbeit einerseits und ihre lau-fende personelle Erneuerung andererseits ein gutes Praxisfeld für Gender Mainstreaming dar. Wo besser als in der Jugendverbandsarbeit können also modellhafte Umsetzungen angegan-gen werden, um Erfahrungen mit der Strategie des Gender Mainstreaming und ihrer Durch-setzung zu sammeln?

Daher besteht weiterhin die wichtige Anforderung an unsere ehren- und hauptamtlichen Mit-arbeiterInnen, dass sie in der Lage sind, ihre eigenen Geschlechterrolle zu reflektieren, vorge-gebene Geschlechterrollen zu hinterfragen und bereit sind, an der Verwirklichung von mehr Geschlechterdemokratie und damit auch mehr Selbstbestimmung für Kinder und Jugendliche mitzuwirken.


Gleichstellungspolitik im Deutschen Bundesjugendring und seinen Mitgliedsverbänden

In der Satzung des Deutschen Bundesjugendrings ist die Aufgabe formuliert „für die Gleich-berechtigung von Frau und Mann einzutreten…“. (§ 2 )
Sie findet ihre Bestätigung im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG). Dort ist für die Gleich-berechtigung von Mädchen und Jungen formuliert, dass „bei der Ausgestaltung der Leistungen und der Erfüllung der Aufgaben […] die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichbe-rechtigung von Mädchen und Jungen zu fördern [sind].“ (§ 9.3 KJHG)

Geschlechtsspezifische, individuelle und strukturelle Benachteiligungen treten heute oft nicht mehr so offensichtlich, sondern häufig verdeckt zutage. Im Alltagsbewusstsein werden sie vielfach als individuelles Risiko, als punktueller Erfolg oder Misserfolg umgedeutet. Nach wie vor existieren unterschiedliche Rollenzuweisungen an Jungen, Männer, Mädchen und Frauen. Dies gilt auch, wenn Mädchen und Jungen sich und das jeweils andere Geschlecht als gleichberechtigt, selbstbewusst und nicht mehr benachteiligt definieren.

Mädchen leben und erleben derzeit für Mädchen und Frauen positiv veränderte Geschlechter-verhältnisse in einer individualisierten und pluralisierten Gesellschaft, in welcher ein Mehr an Möglichkeiten für Mädchen und junge Frauen mit einem Mehr an individueller Verantwor-tungszuschreibung einhergeht. Diese Wahrnehmung verschiebt sich ab einem gewissen Alter, wenn für junge Frauen wie für junge Männer persönlich die Frage nach Vereinbarkeit von Familien- und Berufsorientierung lebenspraktisch relevant wird.

Die Mitgliedsverbände im Deutschen Bundesjugendring realisieren seit vielen Jahren in un-terschiedlicher Ausprägung in ihren Arbeitsfeldern Angebote für Mädchen und junge Frauen. Gemeinsames Ziel der unternommenen Anstrengungen ist es, die Interessen von Mädchen und jungen Frauen aufzugreifen und die Bedingungen für die Umsetzung ihrer Gestaltungsan-sprüche im Jugendverband selbst sowie in der Öffentlichkeit und dem Staat gegenüber Parla-ment und Regierung zu fördern.

Ebenfalls engagieren sich der Deutsche Bundesjugendring und seine Mitgliedsverbände poli-tisch für eine Verbesserung der Lebenssituation von Mädchen und jungen Frauen und den Abbau struktureller Benachteiligungen. Dieses mädchen- und frauenpolitische Engagement, das auf eine Gesellschaftsveränderung hinzielt, war und ist fester Bestandteil des pädagogi-schen Engagements in der Mädchen- und Frauenarbeit.

Die Strategie „Gender Mainstreaming“ ist als Ergänzung und nicht als Ersatz bestehender Konzepte zum Abbau von geschlechtsspezifischen Benachteiligungen zu verstehen. Insbe-sondere bestehende Konzepte der Mädchen- und Frauenpolitik bzw. –förderung haben wei-terhin für die Mitgliedsverbände im Deutschen Bundesjugendring Bestand. Beide Strategien (Mädchen-, Frauenpolitik und Gender Mainstreaming) müssen kombiniert und im Sinne einer Doppelstrategie verstetigt werden.

Gender Mainstreaming verstetigt die geschlechtsspezifische Arbeit des Deutschen Bundesju-gendrings und seiner Mitgliedsverbände indem Mädchen- und Frauenpolitik in speziellen organisatorischen Einheiten betrieben wird, die für Gleichstellungspolitik zuständig sind. Hierzu zählen vor allem Mädchen- und Frauenspezifische Arbeitskreise, Projekte und haupt-berufliches Personal. Dabei sind Ansatzpunkte für Mädchen- und Frauenpolitik Aspekte der Lebenssituation von Mädchen und Frauen, die verbessert werden sollen. In dieser Form kann konzentriert und zielorientiert gehandelt werden. Die jeweiligen Maßnahmen nehmen dabei die Geschlechterhierarchie als die gesamte Gesellschaft durchdringendes Phänomen in den Blick. Trotz des konzentrierten Vorgehens ändert sich an den grundlegenden Problemen der Geschlechter Gerechtigkeit nur langsam etwas.

Demgegenüber setzt Gender Mainstreaming auf die Beteiligung aller an Entscheidungen be-teiligten Personen. So liegt die Verantwortung für die Gleichstellung zwischen Jungen und Mädchen sowie Frauen und Männern bei den jeweils Zuständigen und nicht mehr ausschließ-lich in der Verantwortung der Mädchen- und Frauenpolitik. Dies gilt für alle Entscheidungen, auch bei denen, die auf den ersten Blick keinen geschlechtsspezifischen Problemgehalt haben. Demzufolge wird für die Umsetzung der Strategie viel Zeit benötigt. Daraus ergibt sich je-doch das Potential für eine nachhaltige Veränderung bei allen Akteurinnen und Akteuren und bei allen politischen Prozessen.

Bei der Umsetzung der Strategie „Gender Mainstreaming“ ist für den Deutschen Bundesju-gendring und seine Mitgliedsverbände die Planung und Evaluierung von pädagogischen sowie politischen Aktivitäten in Bezug auf geschlechtsbezogene Auswirkungen erforderlich. Ebenso wie mädchen- und frauenspezifische Effekte beobachtet werden müssen, gilt dies in gleicher Weise für Wirkungen auf Jungen und Männer.


Umsetzung der Strategie Gender Mainstreaming im Jugendverband

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat in seinen Richtlinien des Kinder- und Jugendplanes des Bundes vom 19.12.2000 die Verpflichtung, Gender Mainstreaming umzusetzen, in die „Allgemeinen Grundsätze“ aufgenommen. Das Leitprinzip ist dort I.1 Absatz 2c und I.2 Absatz 2 verankert: „Der Kinder- und Jugendplan soll darauf hinwirken, dass die Gleichstellung von Mädchen und Jungen als durchgängiges Leitprinzip gefördert wird (Gender Mainstreaming)“.

Gender Mainstreaming als Top-Down-Strategie bedeutet, dass erste Umsetzungsimpulse von der höchsten Ebene im Verband ausgehen müssen. Die entsprechenden haupt- und ehrenamt-lichen MitarbeiterInnen dieser Ebene müssen zunächst einmal die Implementierung von Gen-der Mainstreaming im Verband beschließen. Darüber hinaus empfiehlt es sich, Zuständigkei-ten und Verantwortlichkeiten für die weitere Umsetzung des Beschlusses festzulegen. Bei dieser internen Arbeitsgruppe ist sowohl auf ein Gleichgewicht bei der Beteiligung von Frau-en und Männern, von Arbeitsbereichen und verbandlichen Ebenen zu achten.

Mit der Entscheidung zur Umsetzung der Strategie ist es sinnvoll, eine Bestandsaufnahme bzw. den so genannten Gender Selbstcheck durchzuführen. Dieser Selbstcheck stellt eine gute Möglichkeit dar zu prüfen, inwiefern die Strategie Gender Mainstreaming bereits im eigenen Verband umgesetzt wurde. Dabei ist die Durchführung des Gender Selbstchecks zum einen an die Bereitschaft zur Transparenz gebunden, zum anderen ist es erforderlich, dass an der Be-antwortung der Fragen alle zuständigen AkteurInnen mitarbeiten. Der Gender Selbstcheck ist in die folgenden drei Bereiche aufgeteilt: Strukturen, Finanzen und Inhalte.

Nach der Durchführung des Gender Selbstchecks folgt die Auswertung. Schlüsse und Konse-quenzen aus den Ergebnissen muss jeder Verband für sich selber ziehen. Beim Vorgehen ist es wichtig, dass jeder Verband für sich realistische Zielmarken formuliert, erste Umsetzungs-schritte plant und eigene Schwerpunkte wählt. Es ist keineswegs sinnvoll alle Bereiche gleichzeitig zu bearbeiten. Zielführender ist es, sich einen Schwerpunkt wie z.B. die Formu-lierung von Zielvereinbarungen zur Umsetzung des Ansatzes Gender Mainstreaming auf der Ebene der Organisation (Leitbild), auf der Ebene der Personalentwicklung (Geschlechterde-mokratie für MitarbeiterInnen) und auf der fachlichen Programm- und Projektebene, in den Inhalten zu wählen, um diesen systematisch zu bearbeiten. Ein weiterer Schritt der sich fast unweigerlich daraus ergibt, ist die Erstellung einer Rahmenkonzeption zur Implementierung von Gender Mainstreaming im eigenen Verband.

Gender Mainstreaming ist als Prozess zu verstehen, der Zeit und Geld kostet. Gleichzeitig bedeutet die Umsetzung der Strategie Gender Mainstreaming für eine Organisation, einen Qualitätsentwicklungsprozess unter dem Blickwinkel Geschlechtergerechtigkeit anzustoßen: angefangen von der Analyse der eigenen Organisation bis hin zu festgelegten Handlungs-schritten einhergehend mit Evaluation und Dokumentation, stellt sich ein solcher Organisati-onsentwicklungsprozess dar. Das Ziel dieses Prozesses ist die Herstellung von Geschlechter-gerechtigkeit und Verbesserung der Arbeitsqualität.

Im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gibt es offensichtlich noch keine Konzepte, wie die Umsetzung konkret aussehen kann. Unsere vorgestellten Schritte zur Umsetzung von Gender Mainstreaming in der Jugendverbandsarbeit, können eine erste Orien-tierung bieten, sie stellen aber mit Sicherheit noch keine umfassende Lösung dar. Neue An-sätze können darüber hinaus Information und Qualifikation zum Thema Gender Mainstrea-ming innerhalb der Verbandsstrukturen und Durchführung von Gender-Trainings sein. Daraus können sich für die Verbände und Jugendringe Maßnahmen zur Umsetzung von Gender Mainstreaming entwickeln, die sich nach deren Bedürfnissen gestalten.



Resümee

Der Deutsche Bundesjugendring begrüßt die Bestrebungen der EU-Kommission wie auch der Bundesregierung Gender Mainstreaming in allen Organisationen und auf allen gesellschaftli-chen Ebenen einzuführen. Wir verstehen diese Politik als eine Politik der ersten Schritte, wel-chen weitere folgen müssen. Gender Mainstreaming als durchgängig angewandte Quer-schnittspolitik ist derzeit noch nicht deutlich erkennbar und wir verkennen nicht das Risiko, dass Querschnittsaugaben auch die Gefahr mit sich bringen, dass Themen am Ende nirgends mehr vorkommen.

Wichtige Akteure der Zivilgesellschaft sind die Jugendverbände, welche sich der Herausfor-derung der Geschlechterdemokratie gerne stellen und in den letzten Jahren bereits mit zahlrei-chen Maßnahmen gestellt haben.

Die Maßnahmen aus den letzten Jahren wurden in der Regel der Mädchen- oder Jungenarbeit zugeordnet. Besonders zur Förderung von Mädchen und jungen Frauen haben viele Jugend-verbände einzelne Projekte oder ganze Maßnahmenpakete in die Wege geleitet und vielen Mädchen damit neue Chancen in ihrer Entwicklung ermöglicht. Ähnliches gilt auch für die Projekte mit Jungen, die in der Regel die Hinterfragung eigener und fremder Rollenbilder für das männliche Geschlecht zum Thema gemacht und damit maßgebliche Vorgaben von Gen-der Mainstreaming erfüllt haben.

Die besondere Förderung von Gender Mainstreaming wird vom Deutschen Bundesjugendring grundsätzlich für gut befunden, darf aber nicht dazu führen, dass Mädchen- und Jungenpro-jekte eingestellt werden bzw. nicht mehr gefördert werden, weil diese nicht ins neue Mainstreambild passen.

Über diese Maßnahmen hinaus sorgen die Jugendverbände schon immer mit Strukturen und Mechanismen für die Umsetzung von Geschlechterdemokratie. Viele Jugendverbände haben sich dieses Themas angenommen, quotierte Vorstände eingeführt, ReferentInnen dazu an-gehalten, ihre Rolle in der Jugendbildung zu überprüfen und weitere Maßnahmen ergriffen. Die Jugendverbände reflektieren regelmäßig diese Thematik. Die neue Förderung von Gender Mainstreaming bietet eine Chance entsprechende Überprüfungen des eigenen Verbandes an-zugehen.

Über das Steuerungsinstrument „Förderung durch den Kinder- und Jugendplan des Bundes“ können motivierende Impulse in die Jugendverbände und Jugendringe gegeben werden. Der Deutsche Bundesjugendring kann sich hier für die eigene Organisation wie auch für seine Mitgliedsorganisationen insbesondere Impulse im Bereich der Organisationsentwicklung und Schulung zu Gender Mainstreaming vorstellen.

Der Deutsche Bundesjugendring empfiehlt den Jugendverbänden:
  • die Implementierung des Prinzips Gender Mainstreaming als Qualitätsentwicklungs-prozess per Verbandsbeschluss einzuleiten.

  • die Durchführung eines Gender Selbstckecks mit anschließender Auswertung.


Konkrete Ansatzpunkte dafür können sein:
  • Organisationsphilosophie (Grundsatzprogramme, Satzungen, Ordnungen, Beschlüsse, Außendarstellungen, Veröffentlichungen)

  • Strukturen (Leitungsgremien, Hauptamtliche/Geschäftsstelle, verbandliche Gremien, Arbeitskreise)

  • Förderung der Reflektion der eigenen Geschlechterrollen von ehrenamtlichen und hauptberuflichen MitarbeiterInnen

  • Aktivitäten (Bildungsangebote, Aus- und Fortbildung, Veranstaltungen, Konferenzen)


Von den Verantwortlichen in der Politik fordert der Deutsche Bundesjugendring:
  • die Initiierung eines gesamtgesellschaftlichen Bewusstseinsveränderungprozesses hin zu Geschlechtergerechtigkeit

  • die Anerkennung der Eigenständigkeit der Jugendverbände als Freie Träger der Ju-gendhilfe und damit verbunden die Gestaltungshoheit bei der Implementierung des Prinzips Gender Mainstreaming

  • die finanzielle Unterstützung der daraus hervorgehenden Qualitätsentwicklungspro-zesse


Für die Weiterentwicklung des Prinzips Gender Mainstreaming bekräftigt der Deutsche Bun-desjugendring Gesprächsbereitschaft mit Politik und Ministerien.


Beschlossen von der 76. Vollversammlung am 31.10./01.11.2003 bei zwei Enthaltungen.


Die ausführliche Stellungnahme des Deutschen Bundesjugendring finden Sie hier als Download zur Verfügung gestellt.

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