Grußwort des israelischen Jugendrings an die 98. Vollversammlung

Tal Madar vom israelischen Jugendring CYMI sprach ein Grußwort an die Delegierten der 98. Vollversammlung des Bundesjugendrings, die vom 24. bis 25. Oktober 2025 in Dresden stattfand. Der Bundesjugendring veröffentlicht die Rede im Wortlaut. Es gilt das gesprochene Wort.

In diesem Jahr feiern wir 70 Jahre Jugendaustausch zwischen Israel und Deutschland. Wir sollten bei dieser Zahl einen Moment innehalten. Denn wenn man auf die Geschichte schaut, sieht man: Offizielle bilaterale Beziehungen zwischen Israel und Deutschland gibt es erst seit 60 Jahren. Vor 70 Jahren entschieden Gruppen junger Menschen, dass sie Brücken und Verbindungen zwischen zwei Nationen bauen mussten, die gemeinsam das dunkelste und schrecklichste Kapitel erlebt hatten, das die Menschheit hervorgebracht hat. Es waren Menschen an der Basis, die verstanden hatten: Wiedergutmachung, Veränderung und Wiederaufbau hängen von ihnen ab. Es hatte keinen Sinn, auf große politische Entscheidungen zu warten. Sie mussten selbst die Grundlagen legen, um Vertrauen und Verbindung zwischen den beiden Nationen aufzubauen.

Es begann mit einer einfachen Handlung: Begegnung und Dialog. Mit dem Gespräch, mit der direkten gemeinsamen Erfahrung von Israelis und Deutschen. Mit dem Versuch, sich dem Schmerz, der Scham und der Realität beider Völker zu stellen – gemeinsam und jeweils für sich. Es war ein Bildungsakt. Er schuf ein Netz sozialer Beziehungen zwischen Menschen und Nationen, eine Verbindung, die die Zeit überdauert hat – in guten wie in schwierigen Zeiten. Vor allem aber erinnerte er die Welt erneut daran, welche Kraft Bildung hat: Sie kann Wirklichkeit und Bewusstsein formen und verändern.

Bildung ist etwas schwer Greifbares. Es gibt sie seit Beginn der Menschheitsgeschichte, und doch wird ihre Bedeutung oft unterschätzt. Ihre Kraft. Wir sind schnell dabei, die Bedeutung von Bildung zu betonen. Aber wir müssen uns bewusst machen, dass Bildung überall stattfindet. Die entscheidende Frage ist: Wozu bilden wir? Welche Werte und Haltungen wollen wir Kindern und jungen Menschen vermitteln und in ihnen stärken?

Die heutige Zeit und die gegenwärtige Realität sind verwirrend und chaotisch. Ihr werdet sicher verstehen, wenn ich sie persönlich und auch aus nationaler Perspektive als historische Tage bezeichne – nicht unbedingt aus einem Gefühl der Erleichterung heraus, sondern vor allem aus Sorge und Angst vor dem, was kommen könnte. Auch wenn ihr hier in Deutschland nicht derselben unmittelbaren existenziellen Gefahr ausgesetzt seid wie wir, befinden wir uns – wie andere demokratische Länder auch – in einer schweren ideologischen Krise. Sie gefährdet die demokratischen und liberalen Werte, die wir teilen: Gerechtigkeit, Gleichheit und Menschlichkeit. Diese Werte sind aus der gemeinsamen Lehre der Geschichte entstanden. Heute werden sie unklar und verschwimmen – in einer Zeit, in der Wahrheit infrage gestellt wird und scheinbar alles erlaubt ist.

Gerade deshalb wird unsere gemeinsame Aufgabe als in der Bildungsarbeit Aktive und als Mitglieder von Jugendbewegungen noch klarer: Wir müssen bilden. Wir müssen bilden und uns ernsthaft mit Oberflächlichkeit und fehlender Tiefe auseinandersetzen. Denn sie tragen zum Aufstieg des politischen Populismus bei und bringen einfache Antworten auf komplexe gesellschaftliche Probleme und Herausforderungen zurück auf die politische und gesellschaftliche Tagesordnung.

Wir müssen bilden und darauf bestehen, dass es Wahrheit und Unwahrheit gibt. Auch in einer Welt, in der Wissen jederzeit verfügbar ist, muss es gründlich geprüft, hinterfragt und begründet werden.

Wahrheit und das Streben nach dem Guten bedeuten nicht, dass alle dieselbe Meinung haben müssen. Das ist nicht das Ziel. Schließlich gehört Pluralismus zu den wichtigsten Kräften der Demokratie. Unterschiedliche große Ideen begegnen einander – und durch sie entwickelt sich menschliche Gesellschaft in jeder Hinsicht weiter.

Aber Wahrheit und das Streben nach dem Guten sind eine notwendige Grundlage für eine Gesellschaft, die leben will, die Wohlstand und Entwicklung anstrebt und die sich nach Frieden sehnt.

Das ist unsere Aufgabe in dieser Zeit.

Und was könnte dafür besonderer, wahrhaftiger und wirksamer sein als unsere Bildungsarbeit?

Wir gestalten non-formale Bildung. Wir arbeiten mit einer besonderen Pädagogik, die vor fast 130 Jahren hier in Deutschland entstanden ist: einer Pädagogik der direkten Begegnung, eines Bildungshandelns aus vielen Schichten, dessen Zauber und große Kraft sich manchmal nur schwer in Worte fassen lassen.

Und falls ihr denkt, ich sei vielleicht naiv oder würde mir etwas vormachen, möchte ich euch an jene jungen Menschen erinnern, die für sich selbst entschieden haben, diesen Prozess anzuführen und die Verbindung und Brücke zwischen zwei Nationen zu bauen. Vor 90 Jahren hätte niemand geglaubt, dass diese beiden Nationen sich einmal mit Respekt und Liebe gegenüberstehen könnten. Diese jungen Menschen sind meine Inspiration und mein Glaube.

Gegen Ende meiner Rede möchte ich auch auf die vergangenen zwei Jahre eingehen. Es ist noch zu früh, ihre Bedeutung wirklich zu verstehen. Der Schmerz ist noch da, die Wunden sind offen, und wir brauchen Zeit.

Aber ich bin froh, heute hier vor euch zu stehen, in einer Zeit, in der in den vergangenen Tagen Risse von Licht und Hoffnung sichtbar geworden sind.

Die Rückkehr aller lebenden Geiseln war für uns alle fast ein Wunder. Es ist schwer, das in Worte zu fassen. Aber unsere Aufgabe ist noch nicht erfüllt. Sie endet nicht, bevor auch die 13 getöteten Geiseln zur Beerdigung nach Israel zurückgebracht wurden.

Ich bin voller Hoffnung, dass die Waffenruhe, die seit anderthalb Wochen gilt, der Anfang vom Ende des schrecklichen Kreislaufs der Gewalt ist, in dem wir uns befinden. Ich hoffe, dass unser Leid und das Leid unserer unschuldigen Nachbar*innen überall um uns herum endet. Und ich hoffe, dass dort, wo Bildung eine Rolle bei zerstörerischem Hass gespielt hat, neue Kräfte entstehen, die eine andere Botschaft bringen. In Israel hört die Sehnsucht nach Frieden selbst in Zeiten des Krieges keinen Moment auf – in Musik, Kultur und besonders im religiösen Gebet. Wir wollen Frieden.

Aber wir als Mitglieder von Jugendbewegungen dürfen uns nicht damit zufriedengeben, nur auf Frieden zu hoffen und ihn uns zu wünschen. Wir müssen handeln, um ihn zu erreichen. Deshalb möchte ich mit einem Zitat aus einem sehr bekannten israelischen Lied schließen. Es heißt „Ein Lied für den Frieden“, wurde 1969 geschrieben und ist fast zu einer Nationalhymne geworden. Es ruft uns dazu auf, zu handeln und nicht zu warten:

„Sagt nicht: Der Tag wird kommen – bringt den Tag.“

Ich wünsche euch eine fruchtbare und bedeutungsvolle Versammlung und eine weiterhin gute Zusammenarbeit zwischen uns und euch.