Internationale Jugendpolitik Jugendverbände

Interview: Jugendverbände sind auch in der Krise solidarisch und international

Der Leiter unseres Referats für Internationale und Europäische Jugendpolitik, Jochen Rummenhöller, hat im Interview mit ijab.de die Lage der Jugendverbände in der Coronakrise beschrieben. Von der Politik erwartet er rechtliche Klarheit und die Unterstützung benachteiligter Familien. Ein Gespräch über die versteckten Kosten digitaler Alternativen, gefährdete Partnerstrukturen und internationale Jugendbegegnung als Mittel gegen Nationalismus.

ijab.de: Herr Rummenhöller, wie erleben die Jugendverbände die Coronakrise?

Jochen Rummenhöller: Wie alle anderen auch sind wir überrascht worden und fahren seither auf Sichtweite. Das heißt, wir müssen immer wieder neu einschätzen, was möglich ist und was nicht. Zuletzt war das für die Austausche im Mai und Juni der Fall, jetzt müssen wir Entscheidungen für die Sommermonate treffen. Wir dürfen aber nicht nur auf uns schauen, wir müssen auch unsere internationalen Partnerstrukturen im Blick haben und uns immer wieder fragen, „wie geht’s den anderen?“. Leider ist die Lage in vielen unserer Partnerländer nicht positiv.

Der Deutsche Bundesjugendring hat in einem Positionspapier herausgestellt, Kinder und Jugendliche seien von der Coronakrise besonders hart betroffen. Das öffentliche Bild von Jugend war zu diesem Zeitpunkt ein ganz anderes: Von „Coronaparties“ war die Rede und von Jugendlichen als „Superspreadern“.

Ja, dieses negative Bild in der Öffentlichkeit hat uns natürlich gestört und wir wollten ihm etwas entgegenstellen. Was oft übersehen wird ist, wie stark die Coronakrise das Leben von Kindern und Jugendlichen verändert hat. Kitas und Schulen waren lange geschlossen und beginnen erst jetzt langsam wieder zu öffnen. Das trifft auch für Kinderspielplätze, Aktivitäten von Jugendverbänden, Jugendtreffs oder die Angebote von Sportvereinen zu. Damit ist ein großer Teil dessen, was das Lebensumfeld junger Menschen ausmacht, weggebrochen. Junge Menschen mussten sich damit beschäftigen, was aus ihren Schulabschlüsse wird, ob sie nach der Schule eine Ausbildung beginnen können oder wie sich ihr Studium gestalten wird. Wann wird reisen wieder möglich sein und was wird aus dem geplanten Freiwilligendienst? Wir möchten, dass Kinder und Jugendliche in einer solchen schwierigen Situation mitgedacht werden und nicht nur Pläne gemacht werden, wie man Unternehmen wieder fit macht. Das muss auch Gegenstand von Regierungshandeln sein.

Wie könnte denn eine Reaktion der Regierung aussehen?

Man muss die sozialen und wirtschaftlichen Probleme von Familien mitdenken. Nicht jede Familie kann sich einen Computer für den Online-Unterricht der Kinder leisten, um nur ein Beispiel zu nennen. Wer den Unterricht einfach nur ins Internet verlegt, grenzt einen Teil der Kinder und Jugendlichen aus.
Wir sammeln im Augenblick viele Beispiele, wie man etwas besser machen kann. Dahinter steht natürlich auch die Frage, was Jugendorganisationen im Sommer anbieten können was über die jetzt schon stattfindenden Online-Gruppenstunden hinausgeht. Wir werden vieles neu denken müssen, auch mit trägerübergreifenden  Angeboten. Dafür brauchen wir rechtliche Klarheit, damit die Finanzierung aufrechterhalten werden kann. Auch da ist die Politik gefordert.

Beim neu Denken werden häufig die digitalen Alternativen angeführt. Wie werden die in den Jugendverbänden diskutiert?

Wir brauchen so schnell wie möglich wieder realen Austausch, denn digitale Tools können die Begegnung von Menschen nicht ersetzen. Trotzdem ist es richtig, diese Tools auszubauen und den Bedürfnissen von Jugendarbeit anzupassen – ohne dabei in die Abhängigkeit von großen Konzernen zu geraten. Dass wir und IJAB jahrelang in Projekten gearbeitet haben, in denen Software für die Jugendarbeit entwickelt wurde, zahlt sich jetzt aus. Große Probleme sehen wir aber im ländlichen Raum, dort wo die Internetanbindung immer noch schwach ist. Hier ist in letzten Jahren zu wenig getan worden.

Manchmal hat man das Gefühl, dass sich die Diskussion um digitale Tools im Verweis auf Listen mit einschlägigen Produkten erschöpft. Gibt es in den Jugendverbänden eine Diskussion um neue Methoden?

Ja, die gibt es bei uns natürlich auch. Das Tool alleine reicht ja nicht, es braucht ein Konzept, was damit gemacht werden soll. Das ist wie bei einem Seminar: Es braucht Menschen, die es vor- und nachbereiten, die es moderieren, die ein Konzept erstellen. Es braucht pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bei einigen herrscht der Irrtum vor, dass weil etwas digital und online ist, es auch umsonst sei. Dem widersprechen wir. Digitale Methoden kosten Geld und das muss auch klar kommuniziert werden.

Versuchen wir mal einen Blick in die Zukunft. Wann geht der Jugendaustausch wieder los?

Leider habe ich keine Kristallkugel, mit der ich in die Zukunft schauen kann. Ich weiß es schlicht nicht. Sicher ist: Wenn Begegnung wieder möglich ist, dann freuen wir uns zunächst auf lokale, regionale und vielleicht nationale Treffen. Zugleich schauen wir natürlich in die Nachbarländer und prüfen, wie dort die Rahmenbedingungen sind. Das sind Fragen wie „können wir dorthin mit dem Bus fahren“ oder „gibt es die Bildungseinrichtung, mit der wir zusammengearbeitet haben, noch?“. Nicht überall werden wir Bedingungen vorfinden, wie wir sie vor der Krise kannten. Wir werden also flexibler sein müssen. Das betrifft die Ausgestaltung der Begegnungen, das betrifft aber auch die Anpassung der Finanzierungsinstrumente. Wir werden nach dem gehen müssen, was geht, und nicht nach dem, was Förderrichtlinien idealtypischerweise vorsehen. Hier ist Flexibilität gefordert.

Wie geht es denn den internationalen Partnern?

Ein Teil unserer Partner ist gefährdet. In den Ländern, in denen eine nationale Jugendpolitik gibt oder Jugendringe als Partner anerkannt werden, sind die Auswirkungen noch milde. Für andere wird es sehr schwierig. Wir können jetzt nicht nur national denken, wir müssen solidarisch handeln. Wir müssen uns dabei eine sehr vielfältige Trägerlandschaft vorstellen, wir müssen differenziert und flexibel denken und zugleich übergreifend handeln.

Einige warnen jetzt schon vor einem neuen Nationalismus? Teilen sie diese Befürchtungen?

Wir sehen in der Tat eine Fokussierung der Handlungsorientierung auf nationale Interessen. Internationale Strukturen, wie EU und UN, werden derzeit nicht als starke Akteure wahrgenommen. Eine völkisch-nationalistische Partei ist im Bundestag und allen Landesparlamenten vertreten. Rassistische und antisemitische Positionen sind Teil der öffentlichen Debatte. Demokratie und Rechtsstaatlichkeit stehen in Europa unter Druck. Trotzdem bleibe ich optimistisch: Junge Leute wollen die Welt entdecken, sie wollen mit Freundinnen und Freunden im Ausland in Verbindung bleiben, sie wollen sich mit ihnen treffen können. Ich glaube, das wird am Ende stärker sein als Nationalismus und Rassismus.
Was wir jetzt brauchen, ist eine starke EU. Das wird eine ganz wichtige Aufgabe für die deutsche EU-Ratspräsidentschaft sein, die in der 2. Jahreshälfte beginnt. Es geht schließlich um das Zusammenleben der Bürgerinnen und Bürger in Europa.

Dieses Interview erschien am 12.05.2020 zuerst auf ijab.de. Jochen Rummenhöller vertritt den Deutschen Bundesjugendring e. V. im Vorstand von IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e. V.

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