Jugenddialog Beteiligung Europa

Jugenddialog ohne Dialog

Wie muss sich Politik verändern, um sich auch jungen Menschen gegenüber zu öffnen und einen Austausch auf Augenhöhe zu ermöglichen? Die aktuellen EU-Jugendvertreter*innen sind von der EU-Jugendkonferenz in Helsinki enttäuscht, aber nicht hoffnungslos.

Ein Bericht von Clara Drammeh, Anna-Sophie Kloppe und Marius Schlageter

Das Ende des „Strukturierten Dialogs“ bei der EU-Jugendkonferenz in Wien ebnete den Weg für den ersten EU-Jugenddialog. Indem die neue EU-Jugendstrategie (2019 – 2027) verabschiedet wurde, wurde der „Strukturierte Dialog“ durch den EU-Jugenddialog ersetzt. Auch der EU-Jugenddialog fordert junge Menschen auf, sich aktiv am demokratischen Leben zu beteiligen sowie den Dialog mit Entscheidungsträger*innen zu suchen und zu pflegen. Den inhaltlichen Rahmen für den Jugenddialog sollen unter anderem die elf Europäischen Jugendziele (Youth Goals) darstellen, welche auf der EU-Jugendkonferenz in Wien (2018) festgelegt wurden.

Die EU-Jugendkonferenz vom 1. bis zum 3. Juli 2019 in Helsinki (Finnland) brachte Jugendvertreter*innen, Jugendarbeiter*innen, Wissenschaftler*innen und Vertreter*innen von Ministerien und Jugendorganisationen aus verschiedenen Ländern zusammen, um gemeinsam über gute Jugendarbeit in Europa zu beratschlagen. Die Konferenz hatte 240 Teilnehmer*innen aus 28 EU-Mitgliedsstaaten.

Aus unserer Perspektive fand in Helsinki ein Jugenddialog ohne Dialog beziehungsweise eine Jugendkonferenz mit zu wenig jungen Menschen statt.

Die Konferenz wurde zum Auftakt der finnischen EU-Präsidentschaft vom finnischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur mit Unterstützung des finnischen Jugendrings „Finish National Youth Council Alliansi“ organisiert. Die Organisation vor und während der Konferenz war hervorragend. Vor der Anreise stellte Alliansi einen Online-Vorbereitungskurs zur Verfügung, der eine Einführung in die wichtigsten Themen und Terminologie rund um das Thema europäische Jugendpolitik gab.

Aus Finnlands Zielen in der Jugendarbeit während der finnischen Präsidentschaft (Juli-Dezember 2019) ergaben sich die Schwerpunktthemen der Konferenz, Nachhaltigkeit und Jugendarbeit, interkulturelle Jugendarbeit, Digitalisierung und junge Menschen, Zukunft der Arbeit und Beschäftigungsfähigkeit von jungen Menschen sowie Zugang zu Dienstleistungen und Barrierefreiheit.

Der finnische Jugendring war lediglich an der Organisation beteiligt, aber nicht bei zentralen Entscheidungen wie z. B. Themenfindung, Konzeption etc.. Für uns war das ein Indikator, dass bereits an diesem essentiellen Punkt Jugendbeteiligung gescheitert ist. Eine Verknüpfung zu den zuvor ausgearbeiteten Europäischen Jugendzielen wurde an vielen Stellen nicht hergestellt oder nicht deutlich gemacht. Generell kamen die elf Europäischen Jugendziele nicht zur Sprache. Das schwächt unserer Meinung nach das Konzept der Europäischen Jugendziele, wenn sie in der aktuellen Politik nicht aufgegriffen und weiter thematisiert werden.

Zu Beginn der Konferenz fand in Arbeitsgruppen ein offener Austausch/Brainstorming zu den verschiedenen Konferenzthemen statt. Im anschließenden Plenum wurden Segmente aus den Arbeitsgruppen aufgegriffen und vorgestellt. Was im Anschluss der Konferenz mit den erarbeiteten Ergebnissen passieren wird, wurde leider nicht kommuniziert.

Das weitere Programm gestaltete sich unter anderem durch mehrere Vorträge über komplexe Studien oder die Vorstellung von europäischen Jugendprojekten wie beispielsweise dem ALL.YOUTH-Forschungsprojekt. Zudem wurden Zugänge zu Fördermitteln und Plattformen für verschiedene Bildungstrainings vorgestellt. Die Programmpunkte gaben Anregungen und Vorgaben für die darauffolgenden Debatten im Plenum, deren Ziel es war, Jugendarbeiter*innen, Trainer*innen, Pädagog*innen, Forscher*innen und Entscheidungsträger*innen einen fachspezifischen Austausch zu ermöglichen. Ein hauptsächliches Augenmerk wurde auf die Institutionalisierung der Ausbildung von Jugendarbeiter*innen sowie auf die Frage, wieviel Erfahrungsstunden notwendig sind, gelegt. Diese Debatten waren durchaus interessant zu verfolgen, aber oftmals zu themenspezifisch und fachlich anspruchsvoll für uns und andere Jugendvertreter*innen, um mitdiskutieren zu können.

Ein solch fachspezifisches und inhaltlich anspruchsvolles Thema sollte aus unserer Sicht nicht im Rahmen einer EU-Jugendkonferenz, sondern im Rahmen eines Fachkräfteaustauschs diskutiert werden, um den Erwartungen aller Teilnehmenden gerecht werden zu können. (Das Ausrichten der Konferenz mit diesem Thema war unter anderem insofern befremdlich, da Finnland bereits im Februar eine fast identische Konferenz veranstaltet hatte.)

Aus unserer Sicht sind verwirklichte Inklusion und Diversität eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche EU-Jugendkonferenz. Das Konzept der Partizipation bedingt ein breitgefächertes und diverses Feld an Jugendvertreter*innen und sollte keinen akademischen Abschluss (beispielsweise in Sozialer Arbeit) voraussetzen, um sich inhaltlich an der Konferenz beteiligen zu können. Jugendvertreter*innen aus dem Westbalkan sowie der EU-Ostpartnerschaft und das European Disability Forum waren, im Gegensatz zu vorherigen EU-Jugendkonferenzen, überhaupt nicht mehr eingeladen worden. Ebenfalls vermissten wir Flüchtendenvertretungen, Migrant*innenvertretungen, etc.. Deren Konferenzplätze wurden wahrscheinlich zugunsten der zusätzlich eingeladener Jugendarbeiter*innen aufgegeben.

Junge Menschen fordern seit langem eine transparente Feedbackkultur von der Politik. Ebengleiches sollte für den EU-Jugenddialog gelten. Bis heute ist uns nicht klar, was die konkreten Ergebnisse der finnischen Jugendkonferenz sind und wie diese genutzt werden sollen. Damit wurde unserer Meinung nach das Ziel eine EU-Jugendkonferenz verfehlt. Eine Kritik, die offen angesprochen und diskutiert werden muss.

Für die bevorstehende deutsche EU-Ratspräsidentschaft wünschen wir uns eine EU-Jugendkonferenz, die den Teilnehmer*innen der Konferenz und deren Hintergründen entspricht. Wir glauben an das Potential eines solchen Konferenzformates und wünschen uns für die deutsche EU-Jugendkonferenz eine methodisch vielfältige Moderation, welche einen fachnahen und inklusive Austausch ermöglicht, um die Ergebnisse nachhaltig in die europäische und nationale Jugendpolitik einfließen zu lassen. Wenn sich alle Beteiligten um einen Austausch auf Augenhöhe bemühen und das gemeinsame Ziel eine ernsthaft Verbesserung der (europäischen) Jugendpolitik ist, dann kann man das nur gemeinsam erreichen. Auf einer EU-Jugendkonferenz sollten Ideen und Konzepte erarbeitet und diskutiert werden, die dies ermöglichen.

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