Jugendarbeit

Politische Bildung – Kern der Jugendverbandsarbeit

In der Zeitschrift „Forum Jugendhilfe“ der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ hat unsere Vorsitzende Lisi Maier einen Text über Politische Bildung als Auftrag und Kern der Jugendverbandsarbeit geschrieben.

Landauf und landab wird seit Jahren das Lied der unpolitischen Jugend gesungen und Jugendliche werden auf den Aspekt des Aufwachsens, des Unfertigen und damit Unvollkommenen reduziert. Als ob es keinen Wert hätte, was jungen Menschen heute und jetzt wichtig ist, beziehungsweise welche Prioritäten sie als junge Menschen setzen. Gleichzeitig attestieren die aktuellen Sinus- und Shell-Jugendstudien unter Jugendlichen hohe Zustimmungsraten zur Demokratie, eine solidarische Europafreundlichkeit, ein enormes Engagement für junge Geflüchtete. Auch in der Jugendarbeit und in den Jugendverbänden kann man deutlich bemerken, wie viele Angebote der Bildungsarbeit sich mit politisch aktuellen Themen, wie den Klimaschutzzielen, der politischen Bedeutung von Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit oder dem Weg zu einer gleichberechtigten Gesellschaft auseinandersetzen. Unpolitische Jugend? Fehlanzeige!

Die Shell-Jugendstudie, die seit den 50er-Jahren regelmäßig die jeweils 15- bis 24-Jährigen befragt, kommt nach zahlreichen Interviews 2015 zu dem Schluss: Das politische Interesse der jungen Menschen sei nicht gesunken, sondern gestiegen! Unter politischem Interesse versteht man dabei jedoch nicht nur die Begeisterung für die Debatten im Bundestag oder die Inhalte von Parteien, sondern auch die Haltung, Gesellschaft konkret mitzugestalten. Ein Ziel, das die Jugend- und Jugendverbandsarbeit in sich trägt und sich auch im Kinder- und Jugendhilfegesetz widerspiegelt.Das vierte Freiwilligensurvey von 2016 zeigt zudem: das freiwillige Engagement Jugendlicher in der Gesellschaft ist überproportional hoch. 53,8% der 14- bis 17-Jährigen engagieren sich in ihrer Freizeit unentgeltlich für soziale Zwecke. Damit ist diese Altersgruppe absoluter Engagementspitzenreiter! Sicherlich ist nicht jedes Engagement automatisch gleichzusetzen mit politischer Bildung, aber in vielen Kontexten findet eben gerade dort politische Bildung statt, wo sich junge Menschen engagieren und ihre Gesellschaft gemeinschaftlich versuchen zu gestalten. Wenn wir von politischer Bildung in der Jugendarbeit und Jugendverbandsarbeit sprechen, gilt es diese erfahrungsorientierten Bildungsprozesse genauer unter die Lupe zu nehmen und zu analysieren.

„Demokratie ist nicht nur eine Regierungsform, sondern vor allem eine spezifische Form des Zusammenlebens“ (John Dewey)

Die Möglichkeiten einer solchen erfahrungsorientierten politischen Bildung, sind in Pflichtsystemen wie der Schule recht begrenzt. Viele Fachkräfte in der klassischen politischen Bildung, sowohl schulisch wie oftmals auch außerschulisch, orientieren sich zwar an den Themen von Kindern und Jugendlichen, sie „didaktisieren“ diese aber oftmals oder zielen und reduzieren Politische Bildung ausschließlich auf die Vermittlung vorgegebener Werte und Haltungen. Folgt man den qualitativen Sinus-Lebenswelten-Studien der unter-18-jährigen, so wird deutlich, dass das Interesse an landläufig als politisch bezeichneten Themen stark von der eigenen Lebenssituation der jungen Menschen abhängt. So erscheint thematisch der Großteil der speziell ausgeschriebenen Seminarangebote der politischen Bildung an Jugendliche und junge Erwachsene aus Lebenswelten mit höherem Bildungsstand und eher postmodernem Wertebild anzudocken. Für diese hochmotivierte Gruppe, für die die politischen Seminarangebote sehr bedeutsame politische Gelegenheits- und Lernfelder darstellen, ist das Angebot immens wichtig, für unsere Gesellschaft ebenso. Eine besondere Herausforderung besteht jedoch darin, Politische Bildung und „Demokratie erleben“ nicht nur ressourcenstarken und bildungserfolgreichen Jugendlichen, sondern einer breiteren Zielgruppe zugänglich zu machen. Politische Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit birgt das Potential aufgrund des starken Lebensweltbezugs zusätzlich weitere Zielgruppen zu erschließen und andere Zugänge zu ermöglichen.

Erfahrungsorientiertes Lernen als Wesensmerkmal für die politische Bildung der Kinder- und Jugendarbeit

Demokratie braucht Politische Bildung, sie lebt vom Mitdenken und Mittun der Menschen die in ihr leben und ihrer Bereitschaft, sich selbst- und sozialverantwortlich ein Urteil zu bilden und dafür einzutreten. Die Grundlagen für das Gelingen einer lebendigen demokratischen Kultur erfordern ständige Lernprozesse der einzelnen, die ganz wesentlich durch die außerschulische Politische Bildung initiiert und begleitet werden. Politische Bildung kann verstanden werden als ein Prozess, in dem man sich mit den Institutionen, Machtverhältnissen, Entscheidungsorganen und Verfahrensweisen gesellschaftlicher Entscheidungen vertraut macht, die eigene Position bestimmt und einübt diese zu vertreten. Insbesondere die Selbsterfahrung gesellschaftlicher und politischer Partizipation fördert die nachhaltige Aneignung entsprechenden Wissens und entsprechender Verhaltenskompetenz und – bereitschaft (vgl. Koopmann, S. 231 ff). Dadurch lässt sich bereits ein Plädoyer für mehr selbstwirksame Partizipationsprozesse junger Menschen ableiten, aber damit noch nicht genug.

Denn eigene Erfahrungen sind nicht nur von erheblicher Bedeutung für funktionale Erkenntnisprozesse, sondern sie sorgen für nachhaltige Effekte im Kontext intentionaler Lernprozesse. Das zeigen seit längerer Zeit Studien zur Wirksamkeit sozialer und politischer Partizipationserfahrungen junger Menschen. Ihre Analyse von Langzeitstudien über nachhaltige Auswirkungen von sozialem, sowie politischem Engagement im Jugendalter resümieren Youniss, McLellan und Yates so: „Participation in organizations and movements provides experience with normative civic practices and ideologies, and shapes youth´s emerging identities in a long-lasting form. Participation in high school government and partaking in social-political reform share in starting youth on a developmental path toward constructive citizenship.“ (Youniss, McLellan, Yates, S. 620 ff). 

Das erfahrungsorientierte Lernen nach John Dewey basiert darauf, dass die Subjekte ihre Handlungsprozesse selbst steuern und dadurch eigene Erfahrungen machen, bereits gemachte Erfahrungen in ihr Handeln einbeziehen, auf ihre Umwelt einwirken und die Gegenwirkung der Umwelt auf ihr Handeln erhalten. Erfahrungsorientierte Lernprozesse verlaufen kontinuierlich und wechselwirksam. Sie entfalten sich vor allem im Zuge der aktiven, reflexiven, kommunikativen und kooperativen Auseinandersetzung der Subjekte mit bedeutsamen, authentischen Problemen in ihrer Umwelt. (vgl. Koopmann, S. 240 ff)

In Jugendverbänden und der offenen Kinder- und Jugendarbeit lernen und praktizieren Kinder und Jugendliche gemeinsam, selbstbestimmt und selbstorganisiert eine Haltung zu entwickeln, sich zu informieren, zu reflektieren, und Verantwortung zu übernehmen. Einrichtungen und Verbände der Jugendarbeit sind mit John Dewey gesprochen Gesellschaften im Kleinen, in ihnen findet Interessensausgleich, Konflikt und politische Auseinandersetzung statt. Entscheidungen haben Konsequenzen für die Gruppe, sie sind nicht unwirksam, wie das oftmals bei Entscheidungen in Planspielen oder leider noch immer in vielen Jugendforen, Jugendbeiräten und ähnlichen Organisationen der Fall ist. 

Die Kinder- und Jugendarbeit schafft Orte politischer Bildung

Erfahrungsorientierte Politische Bildung bedeutet prozessorientiert und dialogisch das lernende Subjekt, den_die Jugendliche_n aktiv in die Gestaltung des Lernprozesses einzubeziehen. Der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung, machte bereits deutlich, dass die Bildungsangebote und –leistungen der Jugendarbeit, im Gegensatz zu vielen formalen Bildungsinstitutionen, einen hohen Grad an Selbstorganisation durch Jugendliche aufweisen. Sie sind durch eine Aneignungsstruktur gekennzeichnet, in der lebensweltliche und sozialräumliche Bedingungen zum unverzichtbaren Bestandteil gehören. In der Jugendarbeit werden Angebote gestaltet, die die Entwicklung junger Menschen fördern, die an ihre Interessen anknüpfen und neue wecken, die sie zur Selbstbestimmung befähigen und zur gesellschaftlichen Mitverantwortung anregen. Sie orientieren sich dabei stets an den Interessen (vorallem durch das Prinzip Partizipation) und Lebenswelten (u.a. durch das Prinzip Freiwilligkeit) der Kinder und Jugendlichen. Dafür werden keine zusätzlichen Programme aufgesetzt um politische Bildung durchzuführen, sondern sie knüpft direkt an der Lebenswelt junger Menschen an und die Zugänge zu politischer Bildung finden zunächst fast unbemerkt statt. Die Verantwortungsübernahme für ein Jugendfestival, für die Thekendienste die mit Altersregelungen umgehen müssen, für die Mitgestaltung offener Angebote im Jugendzentrum oder den Schlüsseldienst für den offenen Jugendraum, bei welchem es auch um den Ausgleich zwischen konkurrierenden Nutzergruppen geht - alles das sind Beispiele für erste Anknüpfungspunkte aus welchen heraus politische Lernprozesse entstehen können. Aufgabe der Fachkräfte muss es sein, diese Prozesse zu ermöglichen, zu erkennen, zu begleiten und Reflexionsebenen anzubieten.

Im Rahmen der offenen Jugendarbeit ist gesellschaftliches Engagement auch immer ein Teil politische Bildung, durch die selbsttätige Aneignung von Politik sowie Demokratie durch erfahrungsorientierte Lernprozesse. So verankert in der Lebenswelt der Jugendlichen, bietet politische Bildung jungen Menschen Orientierung, motiviert und befähigt sie, sich in der Fülle von Positionen zu orientieren, kritisch abzuwägen und sich begründet zu entscheiden, sich an der Bewältigung gesellschaftlicher Aufgaben so zu beteiligen, dass öffentliche Verantwortung wahrgenommen und dabei der Horizont der eigenen Interessen überschritten wird. Die Bereitschaft dies zu tun existiert nicht voraussetzungslos, kann nicht erzwungen werden und ist auch nicht durch moralische Appelle herstellbar.

Das Kinder- und Jugendhilfegesetz trägt der hohen Bedeutung der politischen Jugendbildung in der Jugendarbeit und im Rahmen der Jugendverbandsarbeit durch die entsprechenden Rechtsansprüche Rechnung. Dort ist festgehalten: Jeder junge Mensch hat „das Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ (vgl. §1 KJHG). Und es wird des Weiteren der klare Auftrag an die Angebote der Kinder- und Jugendarbeit formuliert, dass diese von jungen Menschen „mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und sozialem Engagement anregen und hinführen“(vgl. §11 (1) KJHG) sollen. 

Werkstätten der Demokratie - Politisches Bildungsverständnis der Jugendverbandsarbeit

Jugendverbände sind der Überzeugung, dass „Demokratie lernen“ nur durch „Demokratie erleben“ gelingt. Hier spiegelt sich der erfahrungsorientierte Ansatz politischer Bildung wieder. In den Jugendverbänden erlernen junge Menschen aktiv für Demokratie einzustehen, sie praktizieren und erlernen demokratische Aushandlungsprozesse, sie erdulden den Kompromiss, sie reflektieren ihre eigenen politische Strategien, sie gehen auf die Suche nach gleichberechtigter Teilhabe, sie protestieren und demonstrieren. Was in den Jugendverbänden ausprobiert und gelernt wird, das soll befähigen dies alles auch in anderen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Diskursen umzusetzen. In diesem Sinne verstehen Jugendverbände sich als „Werkstätten der Demokratie“, in welchen man lernen kann, wie demokratisches Handeln funktioniert. So entscheidet man in Jugendverbänden zunächst gemeinsam, welche Maßnahme durchgeführt werden soll, dann über die Programmgestaltung des Zeltlagers, später über das Jahresprogramm des Ortsverbands und auf verschiedenen Ebenen über politische Haltungen und Positionen die man gegenüber Politik, anderen Verbänden etc. einnimmt.

Deshalb steht in den Jugendverbänden das Lernen von Fähigkeiten und Haltungen, die im politischen Leben nötig stehen im Vordergrund: Kinder und Jugendliche lernen ihre Interessen zu artikulieren, in der Gruppe und in der verbandlichen Zusammenarbeit sich mit Gleichgesinnten zusammen zu tun, Konflikte zu meistern und Kompromisse zu finden, Macht verantwortlich zu nutzen und sie lernen die Kommunikationsformen der Demokratie beispielsweise Diskussionsfähigkeit und –bereitschaft. Demokratie im Jugendverband, aber auch in der Gesellschaft, ist der Kompromiss auf der Suche nach einer Politik, die alle im Blick hat, die gemeinwohlorientiert ist, es zählt nicht nur die Mehrheit, sondern auch Minderheitenmeinungen. Das bedeutet unter anderem, die eigenen Interessen nicht mit Gewalt oder zu Lasten der Freiheit anderer durchzusetzen. Jugendverbände bieten so vor allem eine solide demokratische Sozialisation, sind aber auch originäre Aktionsfelder, die die Partizipation von Kindern und Jugendlichen ermöglichen.

Jugendverbände knüpfen als Selbstorganisation junger Menschen an den Interessen von Jugendlichen an. Kinder und Jugendliche bestimmen und gestalten Jugendarbeit mit (vgl. § 11 SGB VIII), sie gestalten darüber hinaus gemeinschaftlich ihre Aktivitäten, sie organisieren und verantworten sie selber (vgl. § 12 SGB VIII). Jugendarbeit in Jugendverbänden existiert überhaupt erst deswegen. Die Mitglieder bestimmen die Auswahl von Zielen und Programmen, sie wählen und beauftragen die Leitungen im Verband und sorgen für eine entsprechende Rechenschaftspflicht.

Nicht ohne Grund ist auch in § 12 (2) KJHG festgehalten „In Jugendverbänden und Jugendgruppen wird Jugendarbeit von jungen Menschen selbst organisiert, gemeinschaftlich gestaltet und mitverantwortet. […] Durch Jugendverbände und ihre Zusammenschlüsse werden Anliegen und Interessen junger Menschen zum Ausdruck gebracht und vertreten.“

Diese Interessensvertretung ist eines der konkreten Wesensmerkmale der politischen Bildung in der Jugendverbandsarbeit, dazu zählt insbesondere die Wahl von Vertreter_innen , die für alle Gruppenmitglieder sprechen können. Sie erfahren, dass die Vertretungsstruktur ihnen als Gruppe die Kommunikation mit anderen Gruppen oder Kooperationspartner_innen im Nachbardorf, im benachbarten oder entfernten Bundesland, bundesweit, europaweit und international ermöglicht. Sie lernen die Fähigkeiten einzelner für die Gemeinschaft zu nutzen und Personen je nach Fähigkeit mit Aufgaben zu betrauen. Im Jugendverband lernen Kinder und Jugendliche zu unterscheiden, ob jemand nur für sich alleine spricht oder eine gemeinsam ausgehandelte Gruppenposition vertritt. Dies bedeutet, die Bedürfnisse der Gruppe wahrzunehmen, zu formulieren und sich öffentlich und in politischen Gremien für deren Realisierung einzusetzen. Dies geschieht innerverbandlich und in verschiedenen gesellschaftlichen Bezügen, z. B. in Schule, bei der Verkehrswegeplanung oder der Dorfentwicklung.

Kinder und Jugendliche lernen so sich an selbst gewählten und in der Gruppe vereinbarten Werten zu orientieren. Ein humanistisch und/oder religiös geprägtes Menschenbild, jeweils unterschiedliche soziale, kulturelle, politische, gewerkschaftliche oder religiöse Wertvorstellungen der Jugendverbände stellen die Orientierung für die Ausrichtung von Seminaren der außerschulischen politischen Bildung, ihrer Gedenkstättenarbeit oder internationalen Begegnungen dar. Mit diesem werteorientierten Ansatz bilden Jugendverbände ein gesellschaftliches Gegengewicht zu extremistischen, undemokratischen und unsolidarischen Tendenzen.

Herausforderungen und Potentiale für die politische Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit

Demokratie ist nichts, das nachdem man es einmal errungen hat einfach zur Selbstverständlichkeit wird. Diese Erfahrung machen wir aktuell in Deutschland, Europa, in den USA, weltweit durch rechtspopulistische und rechtsradikale sowie demokratiefeindliche Haltungen. Demokratie muss immer wieder neu erlernt und hart erarbeitet werden. Die Kinder- und Jugendarbeit leistet dafür ihren Beitrag, wird aber nur dann das Beste aus sich für die Jugendlichen und die demokratische Gesellschaft herausholen, wenn sie sich explizit als Akteur politischer Bildung versteht. Dazu müssen beispielsweise die Fachkräfte der Offenen Kinder- und Jugendarbeit ihr Handlungsfeld auch als politisch begreifen, als Feld der politischen Bildung wie es das das Kinder- und Jugendhilfegesetz eindeutig beschreibt. Nicht Jugendliche sollen kommen und das vorgegebene Angebot wahrnehmen, sondern sie sollen es mitbestimmen und mitgestalten. 

Jugendverbände begreifen sich größtenteils über das Engagement in den Strukturen der Jugendringe, in den Jugendhilfeausschüssen und in Debatten mit Abgeordneten als politisch und in einer Rolle die Interessensvertretung wahrnimmt. Dabei bewegen jedoch auch sie sich immer im Spannungsfeld von Freizeit, Bildung und Interessensvertretung. In diesem Zusammenhang wird auch innerhalb einzelner Jugendverbände ein (ideologischer) Diskurs geführt, wann eine Aktivität der Verbände politisch ist oder ob Jugendverbandsarbeit per se politisch sein darf. Dabei wird – nicht nur in Jugendverbänden - von Einzelnen oft der Begriff politisch mit parteipolitisch verwechselt. Dies kann dazu führen, dass sich allzu schnell und oft schon reflexhaft auf eine rein pädagogische Begründung von Mitbestimmung und Partizipation zurückgezogen wird.

Verschärft werden solche nach innen gerichteten Diskurse auch durch die Vorgaben einzelner staatlicher Fördergeber der politischen Bildung, wie die „Bundeszentrale für politische Bildung“ oder „Engagement global“, die in ihren Förderrichtlinien ausdrücklich die klare Trennung von Bildung und Aktion fordern. Da aber gerade reflektierte Aktivitäten einen wichtigen Beitrag zur politischen Bildung und insbesondere den Beitrag zur politischen Handlungsfähigkeit von Menschen leisten, ist diese staatliche Förderhaltung nicht ohne Grund umstritten.

Weitere Herausforderungen für die politische Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit bestehen auch aufgrund der Lebenssituation Jugendlicher, wie der Leistungsorientierung der Gesellschaft, die eher auf den homo oeconomicus, als auf das Leitbild der mündigen Bürger_in zugeschnitten sind und Jugend als eine verdichtete Bildungszeit ohne Freiräume für junge Menschen (vgl. auch 15. Kinder- und Jugendbericht, S. 105 ff), stattdessen mit Beschleunigungsdruck und Kontrollmechanismen gestaltet, die dem selbstorganisierten Prozess von Mitbestimmung und Teilhabe wenig Platz lassen. 

Ungeachtet dessen muss die Jugendarbeit weiter Angebote entwickeln, die alltagstauglich, auch mal niederschwelliger und möglichst lebensweltnah sind, um politische Bildung begreifbar zu machen und junge Menschen aus verschiedenen Lebenswelten anzusprechen und zu erreichen. 

Ein Beispiel für ein solches Format sind die U18-Wahlen, deren Wahllokale und die umrahmende politische Bildungsarbeit von Initiativen, Jugendverbänden, Jugendringen und Jugendeinrichtungen selbstorganisiert werden, die aber für alle unter 18-jährigen offen sind. Die U-18-Wahl ist ein außerunterrichtliches Angebot – funktioniert aber sowohl im außerschulischen Kontext als auch im Klassenzimmer. Egal wo - U18 ist dabei streng nach den Prinzipien der Jugend(verbands)arbeit gestaltet: selbstorganisiert, absolut freiwillig, unkompliziert und geht von den Kindern und Jugendlichen aus. Anstatt erst Systemtheorie zu lernen, wird geschaut was den Teilnehmer_innen bereits heute wichtig ist (Umweltschutz? ist Politik. Fragen zu Migration? ist Politik Sicherheit ist dir wichtig! ist Politik etc.) und auch in welchen Strukturen bzw. wie sie sich dafür als Kinder und Jugendliche einsetzen können. Neun Tage vor Wahlen gehen die U18-Teilnehmer_innen symbolisch wählen und zeigen damit, dass Kinder und Jugendliche entgegen vieler Unterstellungen politisch und (auch) an Wahlen interessiert sind. Die Unterschiede zwischen den Ergebnissen der U18-Wahl und den der amtlichen Wahl der Erwachsenen eröffnen Ansatzpunkte für Dialoge und für die Reflexion. 

Dabei wird auch deutlich, dass die weitere Stärkung der verbandlichen und offenen Jugendarbeit als Orte politischer Bildung notwendig ist. Denn es gilt nicht nur vor Wahlen die Demokratie als Staatsform zu stärken - sondern tagtäglich die Demokratie als Lebensform einer ganzen Gesellschaft zu ermöglichen.

 

Der Artikel ist in der Zeitschrift Forum Jugendhilfe 4/2017 der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ erschienen.

Quellennachweise:

  • Achtes Buch Sozialgesetzbuch, Kinder- und Jugendhilfegesetz, §§ 11,12
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ,12. Kinder- und Jugendbericht der Bunderegierung, 2006
  • Deutscher Bundestag, 15. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung, Drucksache 18/11050, 2017
  • Koopmann, Klaus: Erfahrungsorientiert Politik lernen, in Oberreuter, Heinrich (Hrsg) Standortbestimmung Politische Bildung, 2009
  • Shell Deutschland (Hrsg.) (2015): Jugend 2015. 17. Shell Jugendstudie. 
  • Borgstedt, Silke, Calmbach, Marc Thomas, Peter Martin et al., Wie ticken Jugendliche? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland, 2012 
  • Borgstedt, Silke, Calmbach, Marc Thomas, Peter Martin et al., Wie ticken Jugendliche 2016? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland, 2016
  • James Youniss, Jeffrey McLellan, Miranda Yates, What we know about engendering civic identity, in Amercian Behavioral Scientist, 1997, Vol. 40:5
Themen: Jugendarbeit