Demokratie

Räume für politische Bildung entwickeln

Politische Bildung geht nicht ohne die Kinder- und Jugendarbeit. In einem Fachforum beim Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag diskutierten wir, wie Räume für politische Bildung in der Kinder- & Jugendarbeit gestärkt werden können.

Die These im Fachform, dass Demokratie eine global gesetzte politische Form ist, klingt sympathisch. Sie blendet aber aus, dass Demokratie historisch erkämpft ist und in jeder Generation neu erlernt und als Errungenschaft verteidigt werden muss. Trump und andere „Regierende“ oder Parteien wie die AfD führen uns vor Augen: Die Demokratie muss wehrhaft, stark und gelebt sein – oder sie wird nicht mehr sein. Teilnehmende im Plenum schlossen weder These noch Antithese aus. Dialog, Auseinandersetzung und Ringen um Positionen seien durchaus im Menschsein angelegt. Demokratie könne und müsse erkämpft, gelernt und gelebt werden, sie ist nicht „naturwüchsig“. Deswegen ist Demokratiebildung so wichtig und darf nicht von der Staatsform abhängig sein. 

Nach einem einleitenden Diskurs über Demokratie-Theorien ging es schnell um die Praxis. Und um die Rolle der Jugend in der Demokratie. Demokratie muss unbestritten erlebt und erfahren werden. Dazu braucht es nicht nur politische Bildung sondern auch Angebote der echten Beteiligung. Eine wichtige Frage dabei: Wie lässt sich sicherstellen, dass in Partizipationsprozessen getroffenen Entscheidungen in der Politik ernst genommen und umgesetzt werden? Die Teilnehmenden hielten das für sehr relevant. Wichtig auch die Frage, wie Ergebnisse aus den demokratischen Prozessen innerhalb der Jugendverbände den Weg in die Politik finden und dort als Position von vielen akzeptiert wird. Vor allem auf kommunaler Ebene. Denn Kommunalpolitik ist lebensweltbezogen und demnach als Lern- und Experimentierfeld sehr geeignet. Was hier an demokratischen Prozessen passiert, ist nicht nur Simulation. Und zugleich sind die größeren Themen wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Respekt und Solidarität der Jugend sehr wichtig. Zugleich ist die Distanz zu handelnden Politiker*innen größer. Auf dieser Ebene des politischen Engagements spielt die Digitalisierung und Vernetzung eine wachsende Rolle - und Jugendlichen sind da Akteur*innen. 

Lernen lässt sich idealerweise an guten Beispielen. Aber auch an schlechten Erfahrungen: In der Pandemie wurde Jugend nicht gehört. Das liege nach Ansicht der Teilnehmenden nicht an mangelndem Engagement und Willen oder fehlenden politischen Bildung. Es liege viel mehr an der Arroganz der politischen Repräsentant*innen und Entscheider*innen. 

Unterschätzte Räume seien aus Sicht der Diskutant*innen Vereine, beispielsweise auch die Sportvereine. Hier brauche es nicht nur gute Forschung (aber auch), sondern ganz praktisch Anerkennung für die Arbeit, die geleistet wird. In demokratisch strukturierten Vereinen wird Demokratie praktiziert. Auf sehr unterschiedliche Weise wird hier auch politische Bildung gestaltet. Die Teilnehmenden entwickelten die Idee, dass Weiterbildung für die verschiedenen Akteur*innen auch gemeinsam angeboten werden können. Das könnte zu einem gemeinsames Verständnis führen, Netzwerke vor Ort entstehen lassen und Anerkennung für das demokratische Engagement fördern. 

Wenn es gelinge, wirklich gleichberechtigt non-formale und formale Bildung nebeneinander zu sehen, wäre das aus Sicht der Teilnehmenden sehr zielführend. Derzeit zeigt sich noch stark, dass bei politischer Bildung stark auf Schule fokussiert wird. Es wäre deswegen wichtig, ein Bildungsverständnis zu entwickeln, das beide Bereiche umfasst! Vereine und Verbände brauchen gute Argumentationen, um das zu erklären. Daran muss gearbeitet werden.

Die Essenz des Fachforums: Eine Verzahnung von Theorie und Praxis plus Vernetzung kann Räume für politische Bildung schaffen. Jugendverbände müssen sich als Institutionen der Demokratiebildung nach außen positionieren und zugleich kritisch reflektieren, ob es gelingt. 

In der Vielfalt und Heterogenität des Jungendverbandfeldes, wie großes Themenspektrum, diverse methodische Settings und bewegliche Strukturen,liegt großes Potenzial. Zugleich ist Jugendverbandsarbeit viel mehr als politische Bildung, Denn selbstbestimmt sich Themen und Inhalte erschließen, vertreten und Interessen teilen, macht Spass und empowert!

Auf dem Podium diskutierten die Professor*innen Dr. Wibke Riekmann (MSH Medical School Hamburg), Dr. Benno Hafeneger (Philipps-Universität Marburg), Dr. Anja Besand (TU Dresden) und Dr. Andreas Thimmel (TH Köln) sowie Jan Witza (Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung). Moderiert wurde die Veranstaltung durch unsere stellvertretende Vorsitzende Daniela Broda.

Themen: Demokratie